Führerschein in Deutschland – Ich vertraute einfach auf den Himmel
Eine persönliche Geschichte über den Führerschein in Deutschland, eine Theorieprüfung mit mehr als 1.200 Fragen und fünf praktische Versuche.
- Autor
- FlamaBloom
- Veröffentlicht
- 19. Juli 2026
- Aktualisiert
- 19. Juli 2026
- Lesezeit
- 5 Min. Lesezeit

Es ist ein bisschen lustig: In all den Jahren, die ich nun in Deutschland lebe, wurde ich immer wieder gefragt:
„Was war für dich das Schwierigste, als du nach Deutschland gekommen bist?“
Deutsch lernen?
Arbeit finden?
Der Winter?
Nein.
Wenn ich eine Sache nennen müsste, vor der ich gleichzeitig Angst hatte und an die ich mich bis heute besonders gut erinnere, dann wäre es ganz eindeutig: der Führerschein.
Ich lebe seit mehr als zehn Jahren in Deutschland.
Der Ort, an dem ich wohne, ist ein kleines Dorf. Es gibt Busse, aber nicht besonders viele. Wenn man einen verpasst, kann es passieren, dass man sehr lange auf den nächsten warten muss.
Mir wurde deshalb ziemlich schnell klar: Wenn ich mir hier wirklich ein neues Leben aufbauen wollte, brauchte ich fast zwangsläufig zwei Dinge.
Erstens: Deutsch lernen.
Zweitens: einen Führerschein machen.
Klingt vernünftig, oder?
Nur hält sich das Leben nicht immer an vernünftige Pläne.
Damals kamen viele Menschen neu nach Deutschland, und die Deutschkurse waren ständig voll. Selbst wenn man lernen wollte, bekam man nicht sofort einen Platz.
Ich musste mehr als ein Jahr warten.
Also dachte ich:
„Dann mache ich eben zuerst den Führerschein.“
Später habe ich mich oft gefragt:
Woher hatte ich damals eigentlich dieses Selbstvertrauen?
Mein Wissen über Verkehrsregeln aus Vietnam war sehr überschaubar.
Rechts fahren.
Bei Grün fahren.
Bei Gelb vorbereiten.
Bei Rot anhalten.
Mit diesem beeindruckenden Wissensstand hatte ich immerhin fast acht Jahre im Verkehr von Hanoi überlebt.
Also war ich zunächst ziemlich zuversichtlich.
Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal im deutschen Theorieunterricht saß.
...
Mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich explodieren.
Nicht nur, weil ich fast kein Deutsch verstand.
Sondern auch, weil ich kaum glauben konnte:
Wie kann es auf der Welt so viele Verkehrsregeln geben?
Verkehrsschilder.
Vorschriften.
Vorfahrt.
Abstände.
Kreuzungen.
Und dann noch „rechts vor links“ ...
Ich wusste noch nicht einmal genau, was dieser Satz bedeutete.
Trotzdem sollte ich bereits lernen, wann und wie man ihn anwendet.
Und das war noch nicht alles.
Der Fragenkatalog hatte damals mehr als 1.200 Fragen.
Heute ist vieles einfacher. Es gibt Apps, Übersetzungen ins Englische oder Vietnamesische und sehr anschauliche Erklärungen.
Damals, als ich lernte ...
gab es für mich nichts davon.
Ich musste jede einzelne Frage übersetzen.
Danach jede Antwort.
Und erst dann konnte ich überhaupt anfangen zu lernen.
Für jemanden, der damals auf Deutsch kaum mehr als „Hallo“ und „Danke“ sagen konnte, fühlte sich die Führerscheintheorie ungefähr so an, als müsste ein zweijähriges Kind die Abschlussprüfung der Grundschule schreiben.
Drei Tage vor der Prüfung ...
sah ich das Buch an.
Dann die Uhr.
Dann wieder das Buch.
Nach all den Tagen, an denen ich mich durch die Texte gekämpft hatte, verstand ich vielleicht ... zehn Fragen.
Zehn.
Von mehr als eintausendzweihundert.
Also beschloss ich:
Ich brauche eine andere Strategie.
Ich übersetzte nicht mehr.
Ich versuchte auch nicht mehr, alles zu verstehen.
Ich sah nur noch die Frage an.
Dann sofort die Antwort.
Und lernte ... das Schriftbild auswendig.
Ungefähr so:
Ah, bei dieser Frage muss ich das erste Kästchen ankreuzen.
Bei jener zwei Kästchen.
Und bei der nächsten das letzte.
In drei Tagen schaffte ich ungefähr die Hälfte des Buches.
Rund sechshundert Fragen.
Die übrigen sechshundert ...
hatte ich noch nicht einmal gesehen.
Dann kam der Prüfungstag.
Ich vertraute mir selbst nicht mehr besonders.
Also beschloss ich ...
dem Himmel zu vertrauen.
Ich betete zu Buddha.
Und sicherheitshalber auch zu Gott.
Wer auch immer mich hören konnte, durfte mir gern helfen.
Und durch irgendeine Kraft, die ich bis heute nicht wirklich erklären kann ...
bestand ich die Theorieprüfung beim ersten Versuch.
Wenn ich heute daran zurückdenke, finde ich, dass der Himmel an diesem Tag ausgesprochen freundlich zu mir war.
Meine Schwiegereltern waren völlig überrascht.
Da bestand jemand die deutsche Theorieprüfung ...
obwohl sie „rechts vor links“ noch nicht einmal richtig verstanden hatte.
Mein Mann konnte es noch weniger glauben.
Er selbst hatte zwei Versuche gebraucht.
Deshalb fragte er sich vermutlich ernsthaft ...
ob der Computer an diesem Tag vielleicht einen Fehler gehabt hatte.
Natürlich gilt:
Bitte macht es nicht so wie ich.
Heute gibt es viele gute Lern-Apps in verschiedenen Sprachen.
Die Theorie wirklich zu verstehen, ist immer besser, als nur Antworten auswendig zu lernen.
Denn sobald die praktische Ausbildung beginnt ...
hilft Glück kaum noch weiter.
Bei der praktischen Prüfung in Deutschland verstand ich sehr schnell, was es bedeutet, dass man dafür nicht „auf Lücke lernen“ kann.
Man fährt das Auto der Fahrschule.
Der Fahrlehrer sitzt daneben.
Der Prüfer sitzt hinten.
Er sagt, wohin man fahren soll.
Und dann fährt man einfach los.
Jeder Prüfer kann eine andere Strecke wählen.
Und selbst dieselbe Strecke ist an jedem Tag anders, weil der Verkehr nie gleich ist.
Man kann sich also nicht einfach einen Weg merken und ihn abspulen.
Es gibt nur eine Möglichkeit:
Die Regeln wirklich verstehen.
Und das Auto wirklich sicher beherrschen.
Beim ersten Versuch ...
fuhr ich ungefähr zehn Minuten.
Dann war die Prüfung vorbei.
Durchgefallen.
Ich war traurig.
Beim zweiten Mal:
wieder durchgefallen.
Noch trauriger.
Beim dritten Mal war ich fast verzweifelt.
Beim vierten Mal dachte ich:
„Aber diesmal bin ich doch gut gefahren?“
Doch nein.
In Deutschland gilt:
Auch ein kleiner Fehler bleibt ein Fehler.
In manchen Dingen können Deutsche sehr flexibel sein.
Aber wenn es um Verkehrssicherheit geht ...
sind sie sehr konsequent.
Und ehrlich gesagt:
Später habe ich verstanden, dass das richtig ist.
Beim fünften Versuch ...
hatte ich aufgehört, mich selbst so unter Druck zu setzen.
Ich dachte nur noch:
Wenn es heute nicht klappt ...
dann versuche ich es eben noch einmal.
Und wenn nötig noch einmal.
So lange, bis ich bestehe.
Und dann ...
hielt ich endlich meinen Führerschein in der Hand.
Nach dieser Prüfung fühlte ich mich ein bisschen wie eine Superheldin.
Wenn ich sogar eine deutsche Fahrprüfung schaffen konnte ...
was sollte ich dann später nicht lernen können?
Ach ja, ein kleines Geheimnis gibt es noch.
Mein Führerschein ...
war am Ende teurer als mein erstes Auto.
Wenn ich daran denke, tut es immer noch ein kleines bisschen weh.
Viele Jahre später, nachdem Autofahren längst zu meinem Alltag geworden war, habe ich etwas verstanden.
Jeder Fehler, wegen dem ich damals durchgefallen war, blieb sehr lange in meinem Kopf.
Gerade weil ich darauf hingewiesen worden war, weil ich durchgefallen war und weiterüben musste, machte ich diese Fehler später fast nie wieder, wenn ich allein unterwegs war.
Manche Lektionen sind ziemlich teuer.
Aber wenn sie dafür sorgen, dass man auf Tausenden Kilometern sicherer fährt ...
dann sind sie vielleicht doch ihr Geld wert.