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Zehn Jahre für fünf Kilometer

Ein persönlicher Besuch im Autokino in Deutschland nach mehr als zehn Jahren: große Leinwände, Radiofrequenzen und Popcorn direkt am Auto.

Autor
FlamaBloom
Veröffentlicht
19. August 2026
Aktualisiert
19. August 2026
Lesezeit
6 Min. Lesezeit
Ein Autokino-Logo mit einer Comicfigur im Auto und einer Schachtel Popcorn.

Unser Zuhause liegt genau fünf Kilometer vom Autokino entfernt.

So nah, dass man es kaum einen Ausflug nennen würde. Man steigt ins Auto, fährt ein kleines Stück – und ehe das Lied im Radio zu Ende ist, ist man schon da.

Trotzdem habe ich mehr als zehn Jahre dafür gebraucht.

Das Autokino liegt direkt neben einem Stausee. Im Sommer ist dort immer etwas los: Menschen sitzen bei einer Tasse Kaffee zusammen, gehen schwimmen oder schlagen ihre Zelte auf. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, und überall tauchen Werbeschilder für das Autokino auf. Als wollten sie mich geduldig daran erinnern:

„Wann kommst du eigentlich endlich vorbei?“

Ehrlich gesagt halfen mir diese Schilder allerdings nicht besonders dabei zu verstehen, was ein Autokino überhaupt ist.

Auf dem Plakat waren zwei Erwachsene zu sehen, die in einem Auto gerade sehr beschäftigt mit ihren eigenen Dingen waren. Angeblich sollte es um Kino gehen, doch von einer Leinwand fehlte jede Spur. Kein Projektor. Kein Popcorn. Nicht einmal ein Gesicht, das gebannt einen Film ansah.

In meinem Kopf blieb das Autokino deshalb lange eine ziemlich vage Vorstellung. Und, wenn ich ehrlich bin, sogar eine ein wenig verdächtige.

Trotzdem dachte ich jedes Mal, wenn ich daran vorbeifuhr:

„Da muss ich unbedingt einmal hin.“

Nur wurde dieses „einmal“ immer weiter nach hinten geschoben.

Menschen sind schon seltsam. Je weiter ein Ort entfernt ist, desto leichter landet er auf unserer Wunschliste. Und je unbekannter er ist, desto größer wird die Vorfreude. An jedem Wochenende suchten wir nach einer Unternehmung für unser Kind. In jedem Urlaub packten wir unsere Sachen, machten uns auf den Weg und fuhren weit fort.

Während eine völlig neue Erfahrung nur fünf Kilometer von unserem Haus entfernt ganz gelassen mehr als zehn Jahre auf uns wartete.

Bis wir eines Tages tatsächlich ins Autokino einbogen.

Schon am Eingang fand ich alles überraschend unterhaltsam.

Normalerweise begegnet man bei der Einfahrt auf einen Parkplatz einem Ticketautomaten oder einem Pförtner. Hier bekam man ebenfalls ein Ticket – nur war es eben eine Kinokarte. Direkt daneben gab es Popcorn, als hätten sich Kino und Parkplatz zusammengetan und beschlossen, ihren Gästen ein paar Schritte zu ersparen.

Verglichen mit den heutigen Kinopreisen in Deutschland war der Eintritt nicht übermäßig teuer: umgerechnet etwa 300.000 vietnamesische Dong pro Karte.

Es gab keine Sitzplatznummern.

Keine Reihe A oder B, die man suchen musste. Und auch keinen bestimmten Platz, der irgendwo auf einen wartete.

Wer zuerst kam, suchte sich zuerst einen Stellplatz aus. Vorn auf dem Gelände stand die große Leinwand, weiß und still, und wartete auf die Dunkelheit. Nach und nach fanden die Autos ihre Plätze. Sie sahen aus wie ein Schwarm Käfer, der sich zum gemeinsamen Filmabend versammelt hatte.

Einige Familien, die nach uns kamen, drehten ihre Autos sogar um, öffneten die Heckklappe ganz und richteten es sich mit Decken und Kissen gemütlich ein. Manche hatten Klappstühle dabei. Einige saßen draußen, andere blieben im Auto.

Hier musste niemand zwei Stunden lang ordentlich und still auf seinem Platz sitzen.

Man konnte sitzen, liegen, stehen, den Platz wechseln, die Beine anziehen oder ausstrecken. Man sollte nur nicht mitten im Film losfahren – das wäre dann vielleicht doch ein bisschen zu viel Freiheit gewesen.

Das Autokino in unserer Nähe hat drei große Leinwände, also gewissermaßen drei Kinosäle. Zur selben Zeit laufen auf demselben Gelände drei verschiedene Filme.

Da fragte ich mich natürlich: Wie soll das mit dem Ton funktionieren? Reden dann drei Filme gleichzeitig durcheinander? Brüllt der Held aus dem Actionfilm der Hauptfigur der Liebesgeschichte ins Ohr, während der Zeichentrickfilm versucht, sich mit einem Lied dazwischenzudrängen?

Das Autokino hat dafür eine ziemlich kluge Lösung.

Vor Filmbeginn stellt jedes Auto die Radiofrequenz ein, die zur eigenen Leinwand gehört. Das Bild erscheint vorn auf der großen Leinwand, der Ton kommt aus den Lautsprechern im Auto.

Drei Leinwände, drei eigene Frequenzen.

Draußen bleibt es deshalb ruhig, während sich in jedem Auto eine andere Welt öffnet. Ein Dreh am Lautstärkeregler genügt, und schon hat jeder einen kleinen Kinosaal, der ganz genau zu den eigenen Vorlieben passt.

Bevor der Film begann, gab es allerdings noch eine andere Vorstellung.

Wer etwas bestellen wollte, musste nur die Warnblinkanlage einschalten.

Kurz darauf rollte ein Mitarbeiter auf Inlineskates bis ans Auto, um die Bestellung aufzunehmen.

Vielleicht ist das Gelände einfach zu groß, um alles zu Fuß abzulaufen. Doch was auch immer der Grund sein mag: Ich muss zugeben, dass es ziemlich cool aussah, wenn sie bis ans Autofenster heranglitten. Für ein paar Sekunden fühlte sich selbst die Bestellung einer Tüte Popcorn an, als wäre man mitten in einem alten amerikanischen Film gelandet.

Auch die Speisekarte war vielfältiger, als ich erwartet hatte. Es gab nicht nur Popcorn, Kaffee und Coca-Cola, sondern auch Burger, Pizza und noch einiges mehr.

Langsam wurde es dunkel.

Ein Autoscheinwerfer nach dem anderen erlosch. Die große Leinwand leuchtete auf. Das Radio fand die richtige Frequenz.

Und der Film begann.

Ich hatte immer geglaubt, ein Film im Auto müsse beengt oder umständlich sein. In Wirklichkeit war es genau umgekehrt.

Noch nie hatte ich mich bei einem Kinobesuch so frei gefühlt. Unser Kind konnte die Sitzposition wechseln, ohne jemanden neben sich zu stören. Die Erwachsenen konnten leise miteinander sprechen. Die Lautstärke bestimmten wir selbst. Und wenn wir während des Films einen Burger essen wollten, mussten wir uns keine Sorgen machen, dass das Rascheln der Verpackung eine ganze Sitzreihe vor uns dazu brachte, sich umzudrehen.

Wir sahen einen neuen Film auf einer großen Leinwand und in guter Qualität – und waren dabei doch in unserem ganz eigenen Familienraum.

Ein Kino voller Menschen, in dem jedes Auto ein kleines Zimmer war.

Nach den Quellen, die ich gelesen habe, gibt es in Deutschland nur noch rund zehn solcher Autokinos. Vielleicht fühlt sich dieses Erlebnis gerade deshalb so besonders an: modern und nostalgisch zugleich; ein Kinobesuch und doch fast wie ein kleiner Abendausflug.

Als der Film zu Ende war, musste niemand gleichzeitig aufspringen, durch dunkle Treppenreihen tappen oder auf einem Parkplatz nach dem eigenen Auto suchen.

Wir starteten einfach den Motor und fuhren nach Hause.

Die Radiofrequenz des Kinos ließ ich eingestellt. Fast 300 Meter weit konnten wir die Musik aus dem Abspann noch hören. Mit jedem Meter wurde sie ein wenig leiser – als wollte sich der Film noch nicht sofort von uns verabschieden.

Ich saß im Auto und verspürte plötzlich einen kleinen Stich des Bedauerns.

Weil wir nicht schon viel früher hierhergekommen waren.

In den vergangenen zehn Jahren waren wir an so vielen Orten gewesen. Wir hatten lange Reisen geplant und in fernen Städten nach neuen Erlebnissen gesucht. Dabei leuchtete nur fünf Kilometer von zu Hause entfernt jeden Abend eine große Leinwand auf. Mitarbeiter glitten auf Inlineskates zwischen den Autoreihen hindurch, und eine andere Welt wurde leise über eine Radiofrequenz gesendet.

Wir Menschen schauen so oft in die Ferne.

Und vergessen dabei manchmal, wie viel Interessantes direkt um uns herum geduldig darauf wartet, entdeckt zu werden.

Und du – würdest du einmal einen Film in einem deutschen Autokino sehen wollen?

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