Lá lốt in Deutschland anbauen
Wie ich lá lốt in Deutschland aus Stielen vom Asia-Laden ziehe, die Stecklinge einpflanze, die Pflanze im Topf pflege und im Winter ins Haus hole.
- Autor
- FlamaBloom
- Veröffentlicht
- 22. Juli 2026
- Aktualisiert
- 22. Juli 2026
- Lesezeit
- 5 Min. Lesezeit

Es gibt Gemüse, das ich wegen seines Geschmacks vermisse.
Es gibt Gemüse, das ich wegen bestimmter Gerichte vermisse.
Und dann gibt es lá lốt. Das vermisse ich wegen beidem.
In Vietnam ist lá lốt keine seltene Pflanze. Auf dem Markt bekommt man es leicht. Manche Familien lassen es sogar am Zaun, in einer Ecke des Hofes oder unter einem Baum entlangkriechen.
Aber seit ich in Deutschland lebe, ist eine Portion bò cuốn lá lốt nicht mehr ganz so einfach.
Jedes Mal, wenn ich im Asia-Laden ein Bündel lá lốt sehe, fühlt es sich an, als hätte ich einen alten Freund wiedergetroffen.
Und wie bei so vielen anderen Gemüsesorten war mein erster Gedanke nicht:
"Ich kaufe es einfach und esse es."
Sondern:
"Ich nehme es mit und schaue, ob es wächst."
Was ist lá lốt?
Lá lốt hat den wissenschaftlichen Namen Piper sarmentosum. Auf Englisch wird es oft wild betel leaf genannt.
Es ist eine mehrjährige, kriechende Pflanze und lässt sich sehr leicht vermehren.
In der vietnamesischen Küche ist lá lốt fast die "Seele" vieler Gerichte.
Allein daran zu denken macht schon hungrig.
- Gegrilltes Rindfleisch in lá-lốt-Blättern.
- Chả lá lốt.
- Mit heißem Reis.
- Mit Reisnudeln und Fischsauce.
Der eigene Duft von lá lốt ist etwas, das ich bei keinem anderen Kraut wiedergefunden habe.
Neben der Verwendung als Würzblatt wird lá lốt auch in der Volksmedizin erwähnt, etwa im Zusammenhang mit Verdauung, Wärme für den Körper oder traditionellen Anwendungen gegen Schmerzen.
Für mich bleibt seine wichtigste Wirkung aber viel einfacher: Es lässt eine Mahlzeit nach Zuhause schmecken.
Ein Bündel und viele neue Pflanzen
Wenn ich lá lốt im Asia-Laden kaufe, suche ich mir ein möglichst frisches Bündel aus.
Die großen Blätter kommen in die Küche.
Die kleineren Blätter und die Stiele hebe ich auf.
Die Stiele stelle ich ungefähr einen Tag lang in ein Glas mit sauberem Wasser.
Wenn man danach genau hinschaut, sieht man, wie die Knoten am Stiel anfangen, sich auf neue Wurzeln vorzubereiten.
Das ist für mich der beste Moment zum Einpflanzen.
Ein kleiner, aber wichtiger Trick
Ich bereite einen Topf mit lockerer Erde vor.
Dann stecke ich den Stiel so in die Erde, dass mindestens ein Knoten unter der Erdoberfläche liegt.
Genau dort wachsen die neuen Wurzeln.
Wenn man nur ein glattes Stück Stiel ohne Knoten in die Erde steckt, hat der Steckling es viel schwerer, anzuwurzeln.
Nach gründlichem Angießen muss man nur noch eine Weile geduldig warten.
Dann erscheinen die jungen Blätter.
Das ist immer der Moment, der mich am meisten freut.
Ein Stiel, der gestern noch nur zum Kochen gedacht war, beginnt heute schon, eine neue Pflanze zu werden.

Sommer draußen, Winter drinnen
Wenn sich lá lốt in einem Punkt deutlich von rau cần unterscheidet, dann bei der Kälte.
Rau cần kann den ganzen Winter ruhig unter einer Eisschicht schlafen.
Lá lốt mag das gar nicht.
Wenn die Temperaturen anfangen zu sinken, hole ich den ganzen Topf ins Haus.
Kein Gewächshaus nötig.
Kein besonderer Raum nötig.
Ein heller Platz am Fenster reicht, damit die Pflanze durch den Winter kommt.
Damit ihr in dieser Zeit nicht die Nährstoffe ausgehen, vergrabe ich meistens ein paar NPK-Langzeitdünger-Kügelchen in der Erde.
Ein bisschen wie Wintervorrat für die Pflanze.
Jeder Frühling ist ein kleiner Neuanfang
Wenn der Frühling kommt, bekommt die Pflanze wieder einen größeren Topf.
Die alte Erde tausche ich gegen frische, nährstoffreichere Erde aus.
Nach einem Winter der Ruhe wirkt die Pflanze fast wie "aufgeweckt".
Schon wenige Wochen später wachsen neue Triebe immer weiter.
Die Blätter werden größer.
Grüner.
Und duftender.
Die Pflanze muss nicht nur am Boden bleiben
Was ich an lá lốt sehr mag: Es kriecht nicht nur waagerecht.
Wenn ich ein paar Stäbe dazu stecke oder ein kleines Gerüst baue, an dem es sich festhalten kann, beginnt es sehr schön nach oben zu klettern.
Kräftige Triebe können mehr als einen Meter lang werden.
Dann sieht der Topf eher aus wie eine kleine grüne Wand als wie ein Gemüsetopf.
Jedes Mal, wenn ich ein paar Blätter zum Kochen schneide, treibt die Pflanze weiter neue Stiele aus.
Aus einer Pflanze können viele werden
Nach einiger Zeit, wenn die Stiele länger geworden sind, schneide ich wieder einzelne Stücke ab.
Jedes Stück braucht nur ein paar Knoten.
Ins Wasser stellen.
Einpflanzen.
Und schon beginnt ein neuer Topf.
So habe ich aus einem Bündel lá lốt aus dem Asia-Laden nach und nach mehrere Töpfe gezogen.
Ohne weitere Pflanzen zu kaufen.
Die Natur hat eigentlich schon alles vorbereitet.
Ich helfe nur ein bisschen mit.
Ein Duft, den nichts ersetzen kann
Wenn ich heute bò cuốn lá lốt machen möchte, muss ich nur ein paar Schritte in den Garten gehen.
Eine Handvoll Blätter pflücken.
Kurz waschen.
Und in die Küche bringen.
Für jemanden, der nie weit weg von Zuhause gelebt hat, klingt das vielleicht ganz gewöhnlich.
Für mich bleibt es etwas Besonderes.
In einem kleinen Garten in Deutschland wächst jeden Tag ein grüner Topf lá lốt weiter.
Und jedes Mal, wenn der Duft von lá lốt aus der heißen Pfanne aufsteigt, denke ich an Familienessen in Vietnam.
Manche Aromen sind nicht nur zum Essen da.
Sondern zum Erinnern.
Und manchmal reicht ein kleiner Topf lá lốt in einer Gartenecke, damit sich die vielen Tausend Kilometer zwischen Deutschland und Vietnam ein gutes Stück kürzer anfühlen.